Im November 2025 gab Kyndryl — ein US-amerikanisches IT-Unternehmen — bekannt, den niederländischen Cloud-Anbieter Solvinity zu übernehmen. Zu Solvinities Kunden gehörten das niederländische Justizministerium, das Bürgerauthentifizierungssystem DigiD und das Regierungsportal MijnOverheid. Diese Organisationen hatten Solvinity explizit gewählt, um ihre Abhängigkeit von amerikanischen Unternehmen zu reduzieren. Nach der Übernahme waren sie wieder dort, wo sie angefangen hatten.
Dieser Vorfall beschreibt das Grundproblem des europäischen Souveränitätsstrebens präziser als jedes Positionspapier: Der Markt bewegt sich, aber die Kräfte, gegen die er sich bewegt, sind schneller.
Das Abhängigkeitsproblem in Zahlen
Amerikanische Tech-Konzerne kontrollieren mehr als 70 Prozent der europäischen Cloud-Infrastruktur. In Schweden läuft über 57 Prozent der öffentlichen digitalen Infrastruktur auf Microsoft-Servern, in Finnland 77 Prozent, in Belgien 72 Prozent, in den Niederlanden 60 Prozent, in Norwegen 64 Prozent.
Das ist nicht nur eine Frage der Infrastruktur — es ist eine Rechtsfrage. US-kontrollierte Cloud-Anbieter können rechtlich gezwungen werden, auf EU-gespeicherte Daten zuzugreifen — der CLOUD Act schafft einen permanenten Souveränitätskonflikt, den kein Vertrag mit einem US-Hyperscaler auflösen kann. Selbst wenn die Daten physisch auf europäischen Servern liegen, unterliegen sie US-Recht, sobald der Anbieter eine US-Muttergesellschaft hat.
Warum der Markt jetzt wächst — und wie schnell
Der globale souveräne Cloud-Markt wurde 2025 auf 154,69 Milliarden Dollar geschätzt und soll bis 2034 auf 1.133 Milliarden Dollar wachsen — mit einer jährlichen Wachstumsrate von 24,6 Prozent. Europa dominiert mit einem Marktanteil von 23 Prozent und führt den Markt mit 69,38 Milliarden Dollar in 2026 an.
Der Wachstumstreiber ist nicht primär Technologie — es ist Regulierung. Digitale Souveränität und Cloud-Infrastruktur wurden zwischen 2022 und 2025 zur rechtlichen Verpflichtung für europäische regulierte Branchen, als NIS-2, die CER-Richtlinie, DORA und der EU AI Act konvergierten und verlangen, dass kritische Daten und Workloads unter europäischer Jurisdiktion bleiben. Die wichtigsten Segmente und ihre Wachstumsdynamik:
| Segment | Marktanteil 2026 | Besonderheit |
| Datensouveränität | 53,79 % | Größtes Segment, regulierungsgetrieben |
| Digitale Souveränität | Wächst mit 26,2 % CAGR | Schnellstes Wachstum bis 2034 |
| Öffentlicher Sektor | 38,28 % | Größte Nutzergruppe |
| Gesundheitswesen | 30,13 % CAGR | Höchstes sektorales Wachstum |
| Großunternehmen | 68,15 % | Dominanter Unternehmenstyp |
GAIA-X: die Idee und ihre Grenzen
Die europäische Antwort auf die Cloud-Abhängigkeit hieß ursprünglich GAIA-X. „Die Absicht hinter GAIA-X war gut », kommentieren Beobachter. „Das Problem war, dass amerikanische Unternehmen lobbten, aufgenommen zu werden. Sobald Microsoft, Google und AWS in GAIA-X waren, verlor die Initiative ihren Zweck. »
GAIA-X-Labels zertifizieren Interoperabilität und Datenmobilität — nicht EU-Eigentümerschaft, nicht CLOUD-Act-Schutz und keine Äquivalenz zu SecNumCloud oder BSI C5. Was als europäische Alternative gedacht war, wurde zur Plattform, auf der US-Hyperscaler „Sovereignty-Washing » betreiben — also die Sprache europäischer Autonomie nutzen, ohne deren Substanz zu liefern.
Forrester prognostiziert, dass kein europäisches Unternehmen 2026 vollständig von US-Hyperscalern abwandern wird — zu groß sind die Hürden durch geopolitische Spannungen, anhaltende Volatilität und neue Regulierung wie den EU AI Act.
Was souveräne Cloud in der Praxis bedeutet
Daten werden täglich auf Plattformen aller Art verarbeitet — von Unternehmens-ERP-Systemen bis hin zu Online-Diensten. Plattformen wie https://mr.bet/at operieren in regulierten Märkten, in denen Datensouveränität und Jurisdiktionsfragen direkt relevant sind: Wo werden Nutzerdaten gespeichert, welchem Recht unterliegen sie, wer kann im Streitfall darauf zugreifen? Diese Fragen betreffen nicht nur Behörden und Konzerne, sondern jeden digitalen Dienst, der europäische Nutzer bedient.
Die EU-Kommission handelt. Im Oktober 2025 startete die EU-Kommission eine Ausschreibung über 180 Millionen Euro für souveräne Cloud-Dienste über sechs Jahre. Das Cloud Sovereignty Framework misst Souveränität anhand von acht konkreten Zielen, darunter strategische, rechtliche, operative und ökologische Kriterien sowie Transparenz der Lieferkette, technologische Offenheit, Sicherheit und Compliance mit EU-Recht.
Welche europäischen Anbieter heute realistisch sind
Nicht jede EU-Alternative ist für jeden Use Case geeignet. Was heute konkret verfügbar ist und was noch fehlt:
- OVHcloud (Frankreich): Vollständig EU-eigenständig, BSI-C5- und SecNumCloud-zertifiziert, stark bei Compute und Storage — begrenzte managed PaaS-Fähigkeiten
- Hetzner (Deutschland): Günstigste Compute-Preise in Europa, 71 % bessere Multi-Core-Performance als AWS in Benchmarks — kein Enterprise-Managed-Service
- Open Telekom Cloud (Deutsche Telekom): SAP-zertifiziert, stark im deutschen Unternehmensmarkt — geringere internationale Präsenz
- Scaleway (Frankreich): Wächst im Developer-Segment, GPU-Kapazitäten für KI-Workloads — noch kein vollständiges Enterprise-Portfolio
- EuroStack: Neue Initiative aus Deutschland, Frankreich, Italien und Niederlanden — fokussierter als GAIA-X, aber 2026 noch in Aufbauphase
Die strukturellen Hürden
Europäische souveräne Cloud-Ausgaben sollen sich zwischen 2025 und 2027 mehr als verdreifachen. Eine Mehrheit westeuropäischer CIOs plant bereits, mehr Workloads zu lokalen Cloud-Anbietern zu verlagern. Doch die Umsetzung scheitert regelmäßig an denselben Punkten: Energieknappheit an europäischen Rechenzentrumsstandorten, lange Zertifizierungsverfahren und regulatorische Fragmentierung zwischen den Mitgliedsstaaten.
90 Prozent der digitalen Infrastruktur Europas — Cloud, Compute und Software — wird heute von nicht-europäischen, überwiegend amerikanischen Unternehmen kontrolliert. Diesen Rückstand aufzuholen braucht nicht Jahre, sondern Jahrzehnte — es sei denn, Regulierung und Investitionen beschleunigen den Prozess gezielt.
Der Markt für souveräne Cloud ist real, wächst schnell und wird regulatorisch erzwungen. Ob Europa dabei wirklich souverän wird oder nur besser darin, Abhängigkeit zu verwalten, entscheidet sich in den nächsten fünf Jahren.
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